Erdbeben: Trauma & größtes Glück meines Lebens
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- vor 18 Stunden
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Das Gölcük-Erdbeben, heute vor 27 Jahren
Nach nur einer Stunde Schlaf wurde ich um 3:02 Uhr am 17.8.1999 plötzlich aus dem Schlaf gerissen; alles wackelte. Hellwach und alarmiert sprang ich auf und lief ins Wohnzimmer. Ich wusste: Erdbeben. Istanbul wartet auf das große Erdbeben und zwei Wochen zuvor bebte die Erde einmal kurz.Nun stand ich machtlos im Türrahmen, keine sichere Stelle, wie ich später lernte. Ich sah, wie sich meine Wohnzimmerwände im Takt massiv ein- und auswölbten, als hätte man einem riesigen Wackelpudding einen Stoß verpasst.Ich war mir sicher: "Das war's!" und erwartete den Kollaps meines alten Wohngebäudes. Glücklicherweise irrte ich mich! Das Epizentrum des 7,4er Bebens war 120 km entfernt - was ich allerdings erst viele Stunden später erfuhr. Trotzdem war das Beben unerträglich lang: 45 Sekunden.
Es folgten zwei Nächte fast ohne Schlaf und weitere acht Tage mit nur ca. 4-5 Stunden Schlaf pro Nacht, da ich sofort anfing, für RTL zu arbeiten. Bis heute staune ich, wie ich (und andere) es aushielten, denn diese zehn Tage waren nicht nur körperlich extrem anstrengend. Viel schlimmer war es, die Schwerverletzten, Toten und trauernden Menschen zu erleben. Viele dieser tragischen Einzelschicksale können einem nur bei dem Gedanken daran die Haare ergrauen lassen. Laut offiziellen Zahlen verloren damals 18.000 Menschen ihr Leben durch das Erdbeben. Davon 1200 alleine in Istanbul.
Beschleunigt durch die heißen Sommertage wurde ab dem vierten Tag der Verwesungsgeruch der Toten unter den eingestürzten Gebäuden unerträglich. Selbst in 50m Entfernung war zu riechen, wo unter den Trümmern Körper lagen und wo nicht. Seitdem ist mein Geruchssinn hypersensibel. Den Geruch nehme ich noch heute immer und überall wahr – lange bevor andere ihn bemerken. Glücklicherweise kommt dieser meist von toten Tieren am Straßenrand.
An dieser Stelle ist es unnötig, die exakten tragischen Details zu erwähnen. Nur so viel:
Ca. zehn Tage nach dem Erdbeben verabredeten sich über sieben deutsche TV-Teams in Istanbul zum Essen. Wir sind uns während der Berichterstattung vor Ort immer wieder über den Weg gelaufen. Gerade in den ersten Tagen gab es im Katastrophengebiet kaum etwas zu essen und zu trinken und auch rivalisierende Sender waren sehr kollegial und wir unterstützten uns gegenseitig. Während des Essens erzählte jeder von der Situation, die für ihn oder sie "zu viel" wurde. Wo auch er oder sie mitweinen musste - und alle hatten mindestens einmal geweint. Meist nicht wegen der grausamen Bilder oder der Zerstörung, sondern wegen des unendlichen Leids der Betroffenen. Damals gab es nur sehr selten "psychologische Unterstützung" für Medienschaffende - glücklicherweise hat sich das geändert.
Das Trauma ist noch heute da. Es erwischte mich völlig überraschend, als wir im Februar 2023 in Kappadokien drehten. Morgens um 4 Uhr fühlten wir die Ausläufer des Hatay Erdbebens mit Stärke 7,8. In unserem Hotelzimmer schwang die Deckenlampe von einer Seite zur anderen. Ich wusste sofort: "Es sterben gerade Menschen." Auch da ahnte ich nicht, wie weit weg das Epizentrum war und wie massiv das Ausmaß. Am nächsten Tag wurde mir durch die Nachrichten das Ausmaß bewusst und ich verfiel in eine Depression, weil ich genau wusste, welches unendliche Leiden sich gerade entfaltete. Es gab über 55.000 Tote im Süden der Türkei und Syrien. Es riefen viele Sender, die mich ins Erdbebengebiet zur Berichterstattung schicken wollten, aber ich sagte allen ab: "Ich schaff das nicht emotional, gerade kommt mir alles von 1999 wieder hoch."

Was wie ein Paradoxon klingt, ist meine Realität: Diese unerträgliche Katastrophe hat mir indirekt auch Freude und Liebe beschert.Ein Jahr nach dem Erdbeben von 1999 wurde ich von "The Learning Channel" beauftragt, die Geschichte einer Überlebenden zu drehen. Das Foto von Ömür Kınay, einer jungen Frau, die schwer verletzt aus einem Istanbuler Gebäude nach einem Tag geborgen wurde, ging damals um die Welt. Ihre Geschichte drehten wir mehrere Tage in einer Rehabilitierungsklinik, in der wir von einer charismatischen jungen PR Dame betreut wurden. Sie machte ihren Job sehr gut und wurde die Mutter meiner fantastischen Traumtochter, die 2005 geboren wurde.
Mein Ein und Alles.
Die Liebe meines Lebens. Christian Feiland



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